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Tust du alles gleichzeitig, aber nichts so richtig?

In meinem letzten Beitrag habe ich aus dem Nähkästchen eines Allrounderlebens geplaudert: Wenn man alles kann, aber nichts so richtig
Von der ruhelosen Suche nach der einen Leidenschaft und vom Leid der Unentschlossenheit. Diese Eigenheiten manifestieren sich nicht nur im Lebenslauf, sondern auch im alltäglichen Leben. Ein Beispiel gefällig?

Herzlich Willkommen in meinem Kopf!

Super, ich habe eine Stunde Freizeit. Was könnte ich tun? Die Aquarellfarben herausholen und eine neue Handlettering-Technik ausprobieren? Eigentlich wollte ich ja auch wieder mehr Übung in Sketch Notes investieren. Ich könnte mich aber auch nochmals an der Nähmaschine versuchen. Das wäre schon praktisch, was ich da alles selbst machen könnte. Da fällt mir doch direkt eine neue Idee für einen Blogartikel ein. Aber da sind ja noch all die anderen Themen im Hinterkopf, über die ich schreiben wollte. Ich weiß gar nicht, welches Thema ich am spannendsten finde. Eigentlich wollte ich ja auch unbedingt meinen Traum von neulich Nacht zu einer Kurzgeschichte verarbeiten. Wieso eigentlich nicht direkt einen ganzen Roman daraus machen? Oder ich könnte eines der drei Bücher weiterlesen, die ich gerade parallel lese. Nur welches? Vielleicht schalte ich auch erst einmal den Laptop ein und schraube am Layout meiner Homepage. Da fällt mir ein, mit Android-Programmierung wollte ich mich auch schon länger beschäftigen, um eine App-Idee umzusetzen. Vielleicht mache ich mich aber auch endlich mal schlau, ob die Volkshochschule einen Anfängerkurs für Gitarrenunterricht anbietet. Ein Sprachkurs wäre allerdings auch interessant (...)

Viele unterschiedliche Ideen und Interessen führen zu Gedankenchaos, Fokusverlust und ein Gefühl der Lähmung

Dieses Gedankenchaos könnte unendlich fortgeführt werden. Was ist die Konsequenz? Im schlimmsten Fall bin ich derart hin und her gerissen, dass ich überhaupt keine Entscheidung treffe. Die Zeit läuft ab und ich setze nicht eine einzige meiner Überlegungen um. Bestenfalls erledige ich stattdessen zumindest etwas im Haushalt, statt gar nichts zu tun. Befriedigend ist das dennoch nicht. Mein unentschlossenes und ruheloses Verhalten endet in Unausgeglichenheit und Frustration.

Wie bändige ich dieses Chaos?

In ihrem Buch Du musst dich nicht entscheiden, wenn du 1000 Träume hast gibt Barbara Sher zahlreiche Praxistipps für klassische Problematiken von Scannern, wozu auch das eben geschilderte Gedankenchaos gehört. Zu vier ihrer Tipps möchte ich meine persönlichen Erfahrungen teilen.

Ich habe so viele Ideen im Kopf, wie soll ich die bloß alle umsetzen?

Sher rät, ein sogenanntes Scanner-Projektbuch zu führen, um Gedanken und Ideen an einem Ort zu sammeln. Es braucht weder eine bestimmte Form, noch Struktur. Statt eines Notizbuches kann auch eine Box benutzt werden, in der Notizen jedweder Art landen. Ziel des Scanner-Projektbuches ist es, den Gedankenstrudel zu kanalisieren und Ideen festzuhalten, um die Angst vor dem Vergessen zu besiegen.

Das Scanner-Projektbuch ist allerdings keine Todo-Liste!
Im Gegenteil. Durch meine Eintragungen mache ich mir bewusst, dass ich zwar viele verschiedene Ideen und Gedanken habe, sie aber nicht alle tatsächlich umsetzen muss - vor allem nicht alle gleichzeitig. Durch die Notizen habe ich jedoch die Sicherheit, meine zugehörigen Gedanken nicht zu verlieren, falls ich mich zu einem späteren Zeitpunkt doch noch für die Umsetzung einer vorerst ad acta gelegten Idee entscheiden sollte.

Anfangs sollte man sich optimalerweise täglich zehn Minuten Zeit nehmen, um eine Routine zu entwickeln, die überschwänglichen Gedanken festzuhalten. Später kann es genügen, seine Überlegungen nicht mehr unbedingt täglich festzuhalten, sondern dann, wenn man den inneren Ideensprudel bemerkt.
Für mich fühlt sich dieser Ideensprudel immer an wie ein aufziehender Sturm. Ich werde unruhig und innerlich gehetzt, springe von einem Gedanken zum nächsten und verfalle gleichzeitig in einen Zustand der Lähmung und Handlungsunfähigkeit. Wenn ich dann meine Gedanken zu Papier bringe, verspüre ich sofortige Erleichterung. Als ob sich der Sturm in meinem Kopf auf dem Papier entlädt. Dann bin ich auch wieder in der Lage, rational darüber nachzudenken, ob und was ich denn nun tatsächlich umsetzen möchte.

Ich mache gleichzeitig alles und nichts, wie soll ich da bloß eine Sache abschließen?

Habe ich mir nun ein bestimmtes Ziel gesetzt, fange ich zeitnah, bestenfalls direkt, mit der Umsetzung an. Ist die Umsetzung zeitintensiver, lege ich für mich eine Deadline fest. Sonst laufe ich Gefahr, mich doch wieder wie üblich zu verzetteln, weil ich zu viele unterschiedliche Dinge gleichzeitig tun möchte und dadurch in den altbekannten Lähmungszustand verfalle. Eine Deadline zwingt mich dazu, bei der Sache zu bleiben und mein gesetztes Ziel abzuschließen.

Manchmal muss ich mich regelrecht dazu zwingen, weiterzumachen, weil sich schon wieder neue Ideen angestaut haben, die an der Tür meines Gehirns klopfen und vehement Einlass fordern. Diese angeblichen VIPs von Gedanken, die behaupten, bevorzugte Behandlung zu verdienen, muss ich dann leider darauf hinweisen, sich hinten anzustellen.

Natürlich bedeutet eine Deadline und "sich zwingen" nicht, dass ich stumpfsinnig Ziele verfolge, hinter denen ich gar nicht mehr stehe. Es ist stets ein Abwägen, ob ich ein Ziel tatsächlich nicht mehr umsetzen möchte, weil es nicht mehr in mein Wertebild passt oder mit meinen höheren Zielen kollidiert, oder ob ich bloß von neuen Gedanken und Ideen an der Vollendung gehindert werde.

Ein banales Beispiel aus meinem Alltag: Ich leihe mir häufiger Bücher in der Stadtbibliothek aus. Diese haben eine Deadline in Form des Abgabedatums. Ich kann nun mehrere Bücher gleichzeitig lesen oder ich zwinge mich dazu, den Fokus auf genau eines zu setzen. Wenn ich mehrere Bücher parallel lese, laufe ich Gefahr, zur festgelegten Deadline keines der Bücher komplett vollendet zu haben. Lese ich die Bücher allerdings nacheinander, habe ich die Chance zumindest einige davon zum Abgabedatum zu Ende gelesen zu haben. Trotzdem kann ich natürlich jederzeit die Entscheidung treffen, das aktuell fokussierte Buch zur Seite zu legen, weil es mir doch nicht so zusagt wie gedacht. Dann nehme ich mir das nächste Buch vor und gebe das ungelesene ab, weil ich mich bewusst dafür entschieden habe, es nicht bis zum Schluss zu lesen.

Ich interessiere mich einfach für alles, wie soll ich da eine Entscheidung treffen?

Ist das wirklich so? Kann man sich überhaupt tatsächlich für alles interessieren? Das lässt sich leicht mit einer Anti-Liste überprüfen. Man notiert, welche Tätigkeiten und Gebiete, einem absolut nicht zusagen, bei denen man vor Langeweile gähnen muss und/oder um jeden Preis vermeiden möchte.

Solch eine Liste führt schnell und deutlich vor Augen, dass man sich gar nicht für alles interessiert, auch wenn es sich manchmal so anfühlen mag. Sich das bewusst zu machen, ist ungemein beruhigend. Ich beispielsweise verspüre herzlich wenig Interesse, mich mit dem Joggen, Steuererklärungen oder Promiklatsch auseinanderzusetzen, während es Menschen gibt, die dafür brennen.

Ich bin ein echter Tausendsassa, was kann ich denn überhaupt so richtig?

Sher liefert ein wunderbares Gedankenspiel zu dieser Fragestellung:

Wenn ich auf einer einsamen Insel stranden würde, welche meiner Fähigkeiten wären mir von Nutzen?

Bei diesem Gedankenspiel kann man von einer unbewohnten Insel ausgehen, bei der es rein um das eigene Überleben geht und/oder darum, von dort wegzukommen. Ich habe mir eher ein Lost ähnliches Szenario vorgestellt, das soziale Interaktion beinhaltet, da ich diesen gesellschaftlichen Aspekt spannender finde als den Einsatz von Fähigkeiten in Isolation.

Diese Art von Gedankenspiel beleuchtet Fähigkeiten und Interessen von einer neuen Seite und kann möglicherweise Überlappungen und Kombinationen aufzeigen, die man bisher noch nicht entdeckt hat. Die Suche nach versteckten Superkräften quasi.

Mir persönlich fiel bei diesem Gedankenspiel auf, dass ich grundsätzlich ein starkes Interesse daran habe, (Routine-)Aufgaben zu optimieren, um Zeit zu sparen und das Leben zu vereinfachen. Das zeigt sich nicht nur in meinem beruflichen Hintergrund, sondern auch in anderen Ausprägungen. Es ist gesamtheitlich betrachtet eine sehr wertvolle Fähigkeit, sowohl im Berufs- und Alltagsleben, als auch hypothetisch auf einer einsamen Insel ohne jede Technologie.

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Hi, ich bin Aljona alias Frau Lyoner. In diesem Blog berichte ich von meinen Strategien und Erfahrungen im Kampf gegen Gedankenchaos und Unordnung auf meinem Weg zu einem minimalistischen Leben.